Wie allgemein bekannt sein dürfte, wurde hauptsächlich im KWII die ENIGMA-Maschine zur Verschlüsselung von Funksprüchen eingesetzt.
 
 
 

 

Enigma-Simulationen für den heimischen PC gibt es auch genügend.

Am Besten hat mir der ENIGMA Simulator 7.0 gefallen.
(Hier im Bild zu sehen)

Nun liegt auch die Frage nahe, wie diese Maschinen tatsächlich verwendet wurden und ob so eine Simulation auch authentisch arbeitet.

Einige nachgestellte Sequenzen im Film "Das Boot" oder "Enigma das Geheimnis" konnten da nicht wirklich weiterhelfen.
 

   
 
Da bin ich auf die sehr interessanten und lesenswerten Seiten vom Michael Hörenberg gestoßen:
 
   
  Michael hat u.a. einige Funksprüche vom U-Boot U-534 und diese mit eigener Software entschlüsselt.
 
 
 

Da Michael's Seiten auf englisch sind, möchte ich hier kurz beispielhaft das Verschlüsselungsverfahren mit der Marine-Enigma M4 (Shark) wiedergeben.

Dafür ist auch die Marine Dv 32-1 sehr hilfreich.
 (Enigma manual M Dv Nr 32/1, Marine ...)


Für ganzes Blatt auf das Bild klicken.

 

  Zuerst wird die für den jeweiligen Tag und den Bereich die spezifische Grundeinstellungen der ENIGMA - der sog.
Tagesschlüssel - ermittelt. Dieser setzt sich aus der inneren Einstellung Walzenauswahl und Ringstellung und der äußeren Einstellung, der Steckerbrett-Verbindungen, zusammen. Diese Einstellung gilt meist nur für einen Tag.
 

Nun wird über das sog. Kenngruppenverfahren (Michael beschreibt das ausführlich) zwei für das jeweilige Schlüsselverfahren zutreffende 3-stellige Kenngruppen, die Schlüsselkenngruppe und die Verfahrenkenngruppe ermittelt.

Dafür wird aus dem Kenngruppenbuch aus der Zuteilungsliste der für das Schlüsselverfahren zutreffende Kenngruppenbereich
z.B. Spalte 161 - 200 für Schlüssel-"Hydra" und 1 - 680 für Verfahren "Allgemein" ermittelt.
Der Funker wählt aus der Spaltenliste von insgesamt 17.576 möglichen, zwei beliebige Kenngruppen aus.


Z.B.     D U Z  aus Spalte 162, Zeile 5 Schlüsselkenngruppe  und  
            Y M U
aus Spalte 167, Zeile 2 Verfahrenskenngruppe.

Entsprechend der Zuteilungsliste ist für die erste Kenngruppe (=Schlüsselkenngruppe) der erste und für die zweite Kenngruppe (=Verfahrenkenngruppe) der letzte Buchstabe zu ergänzen. 
                z.B. zu:   K D U Z   und  Y M U Z

Die Zeilennummer aus denen die Kenngruppen gewählt wurden, dienten zur Ermittlung der Grundstellung der Walzen für den Tagesschlüssel (neues Verfahren ab April 1945)
(Tabelle nachgestellt)
Damit ergibt sich für den Tagesschlüssel die Grundstellung  IBFK.

Mit diesem seit April 1945 eingesetzten neuen Verfahren ergaben sich 288 verschiedene Grundstellungen des Tagesschlüssels pro Monat , vorher war es nur einer pro Tag.
 

 
Konkretes Beispiel:
 
 Funkspruch P1030690
  Umkehrwalze  B
  verwendete Walzen:  C 4  3  8    (Walze C = Gamma)
  Ringstellung   V C C H
  Steckverbindungen  3/8 5/10 14/22 15/21 20/25 12/7 19/26 16/11 4/9 17/2
 

Grundeinstellung

  I B F K
  EQTNQSDBFJHWGKHPHXEFOYGEZPJMHZCIKPCIMPSIGUZMGTIWBRTFWEJTDILJJDPJVMBVUXKGSVXPEZERJXZFWWVCPSSFKXBSITWFKOBJXXYZDYJS
 
Die Kenngruppen werden nun für den Funkspruch wie folgt verschlüsselt:
  Buchkenngruppen z.B.: (Der Buchstabe in Klammern war nach Belieben selbst gewählt)
  Schlüsselkenngruppe

Verfahrenkenngruppe
   
 

daraus werden die 1. und 2. Gruppe (Funkkenngruppen) des Funkspruchs gebildet:
Dabei werden die Buchstabenpaare nach täglich wechselnden Buchstaben-Tauschtafeln ausgetauscht.

Diese Tauschtafeln wurden nach einem Tauschtafelplan täglich gewechselt.

Für den 01.05.1945 gilt für das Kennwort "Quelle" die Tauschtafel "A"

Tauschtafel "A"

Die Tabelle arbeitet in beide Richtungen z.B. HL = FF <-> FF = HL oder CE = HF <-> HF = CE

je 1. Buchst. KY = FN,
je 2. Buchst. DM = HC,
je 3. Buchst. UU = GV und
je 4. Buchst. ZZ  = ET  werden zur

  1. Funkkenngruppe
2. Funkkenngruppe
  Diese Funkkenngruppen bilden die 1 und 2. sowie zur Kontrolle die vorletzte und letzte Funkgruppe.
Auf diese ersten beiden Gruppen aus je 4-Zeichen folgt der eigentliche Funkspruch.

Der Funkspruch wird mit dem sog. Spruchschlüssel (neue Grundstellung der 4 Walzen), der für jeden Funkspruch ein anderer ist, verschlüsselt. Den Spruchschlüssel erhält man, indem man die Verfahrenkenngruppe mit dem Tagesschlüssel verschlüsselt.

Also z.B.:
Walzen in Grundstellung I B F K (aus dem Tagesschlüssel).
Tippt man nun Y M U Z (die Verfahrenkenngruppe) ein,
erhält man O D F F (den Spruchschlüssel).
Nun Walzen in Grundstellung O D F F,
den Klartext eintippen und man erhält den verschlüsselten Text.
 

  Entschlüsselt wird wie folgt:  (erklärt sich einfacher)
 

1.

Prüfen, dass die ersten beiden Gruppen mit den letzen beiden Gruppen übereinstimmt; dann ist der Funkspruch OK.
 
  2. Die ersten beiden Gruppen (Funkkenngruppen) wie oben gezeigt manuell zu den sog. Buchkenngruppen (Schlüsselkenngruppe und Verfahrenkenngruppe) entschlüsseln.

Die 1. und 2. Funkgruppe F N H C und G V E T  werden über die Buchstaben Tauschtafeln

FN HC  ->  KY DM 
GV ET  ->  UU ZZ

zur
Schlüsselkenngruppe K D U Z und zur
Verfahrenkenngruppe Y M U Z ...wird zum Spruchschlüssel

Daraus kann der Funker die verwendeten ENIGMA-Einstellungen für den jeweiligen Tag (Tagesschlüssel) ermitteln.
 

 

3.

Die ENIGMA auf den über Kenngruppen-Tabellen gefundenen Tagesschlüssel einstellen.

die Schlüsselgruppe (K)DUZ wird in       Zeile 5 gefunden   (im orig.Funkspruch in Zeile 9)
die Verfahrensgruppe    YMU(Z) wird in Zeile 2 gefunden   (im orig.Funkspruch in Zeile 24)

damit findet man die Grundstellung der Walzen zum Tagesschlüssel I B F K in der gleichnamigen Tabelle.
 
  4. Mit dem Tagesschlüssel wird ausgehend von der Grundstellung die Verfahrenkenngruppe (Y M U Z) entschlüsselt.
Das Ergebnis ist der Spruchschlüssel, also die Grundstellung der Walzen (O D F F) zum entschlüsseln des restlichen Spruchs.
 
  5. Nun können die restlichen Gruppen (bis auf die letzten zwei = Widerholung der Funkkenngruppen) decodiert werden.
 
 


Für ganzes Blatt auf das Bild klicken.      (Im Originalfunkspruch standen die Kenngruppen in Zeile 9 und 24)

Im Bild zu sehen:

 

i b f k

 Walzenstellung des Tagesschlüssels (entschlüsselt YMUZ zu ODFF)
 

O D F F

 Walzenstellung des Spruchschlüssels zum Entschlüsseln des Funkspruchs
     
  Funkgruppen
(verschlüsselt)  
Buchgruppen
(Klartext)
 
  F N H C    K D U Z Schlüsselkenngruppe lt. (K)DUZ
  G V E T    Y M U Z Verfahrenkenngruppe (führt zum Spruchschlüssel ODFF )
       
 

       
   

Phuuu...., ganz schön aufwendig und fast sicher!

    Sobald zum verschlüsselten Text der richtige Klartext bekannt ist, kann man wohl inzwischen jeden ENIGMA-Funkspruch entschlüsseln.

Interessant ist, dass es wohl mehrere Einstellungen der ENIGMA gibt um den richtigen Klartext zu erzeugen!

Schwachstellen der ENIGMA-Anwendung:
- Im Chiffretext ist der Klartextbuchstabe niemals er selbst (A wird nie zu A).
- Bei sehr kurzen Texten ist nur eine Walze am Verschlüsseln beteiligt.
- Es wurde nur EIN Tagesschlüssel für alle Arten von Funksprüchen verwendet.
 

    Dennoch glaube ich, ohne ansatzweise zu wissen wie der Klartext oder wesentliche Textstellen vom Klarttext lauten, ist der ENIGMA-Code auch heute kaum zu knacken.
     
  Übrigens war die Verschlüsselung auch nicht immer problemlos:
"An Alle von Funkleitung: Die grosse Anzahl unklarer Funksprüche gibt Veranlassung darauf hinzuweisen,
dass ab 1.5. 1200 Uhr Schlüssel ...."
  (P1030699)
     
    Spannendes Thema!
     
  Hintergrundinfos:
  In dem hier vorgestellten Funkspruch bittet U-4701 um Geleitschutz nach Hördrup Haff.
 
  Aus den anderen bei Michael zu findenden Funksprüchen geht hervor, dass U-4701 zusammen mit U-4702, U-4703 und U-2361 am 01.05.1945 um 10 Uhr in Sassnitz mit 5 kn in Richtung Sønderborg (an der Flensburger Förde) ausgelaufen ist. (P1030664)

Gegen 11:21 Uhr hängt sich
U-2338 an diesen Geleit an. (P1030666)

Gegen 18:33 Uhr meldet U 4701, dass es zusammen mit U-4702, U-4703, U-2361 und U-2338, "13 Rot" passiert. (P1030684)

Zu "13 Rot konnte ich bisher nichts in Erfahrung bringen. Diese Position müsste aber ungefähr 41 sm von Sassnitz entfernt liegen.

Gegen 20:44 Uhr sendet U-4701 den oben zu sehenden Funkspruch ab und bittet um Weitergeleit von Rot 13 A nach Hørup Hav und rechnet am 02.05 gegen 3:00 Uhr am Treffpunkt einzutreffen. (P1030690)

Aber was wollen diese 5 Boote dort?

Dazu ist in Net zu finden:
"U 4701 wurde am 05.05.1945 im Hörup Haff, bei der Aktion Regenbogen, selbst versenkt."
...wie andernorts zu lesen ist, zusammen mit 4 weiteren U-Booten an dieser Stelle.

 Durchaus spannend....
 

 

 
Noch ein Beispiel:  P1030660 

Der Funkspruch auf dem original Schlüsselzettel von U534:

Die Entschlüsselung von Michael Hörenberg:

Ciphertext:
TWNHYAZGBILSHEWPGLBPQLWQEKITIAFGZHWIMCWDFXPAFEILQZWFNRFTTQHUOADVLRLGAOQKVLWLSJHWOFJJSLUVEYNRRAJAQDKQBGMFYCEVKPFJPKOWHHQZYZEQRTQIKKXIXTFPOEMI

Reflector: C
Greek: B
Wheels: 568
Wheel positions: IGZQ
Rings: AAEL
Plugs: AE BF CM DQ HU JN LX PR SZ VW
indicator groups: RMJE TODU

Kartext:
FXDXUUUOSTYFUNCQUUUFXWTTXVVVUUUEINSEINSNULDREIKKEISELEKKXXISTSECHSSTUENDLICHESDOCKENVORMITTAGSAMDREIXFUNFXINRENDSBURGGEMXFXDXUUUOSTMOEGLICHL

Interpretation:
[An] F.d.U. Ost, 5.U-Flott. von U-1103 (Eisele): Ist sechsstündliches docken vormittags am 3.5. in Rendsburg gemäß F.d.U. Ost möglich?

.....und nach der Entschlüsselung in Bletchley Park:
 

TOO: Entstehungszeit (Ohne Verschlüsselung übermittelt. Diese Information bestimmt die tägliche Enigma-Einstellung).
TOI: Zeit des Abfangens
Fussnote: Die Uhrzeit der Übertragung
4860 KC/S =  
Über Kurzwelle (4,86 MHz) übertragen.

.

...so schließt sich der Kreis